Latein

„Kannst Du mal schnell warten?“ - Latein als Ort der Entschleunigung

Die obengenannte Frage stellte ein Schüler seinem Klassenkameraden, als er auf dem Weg in die wohlverdiente Pause noch einen anderen Raum aufsuchen wollte. Als pedantischer Lateiner fragte ich mich, wie das gehen soll. Man kann wohl schnell arbeiten, laufen oder sprechen, aber „schnell warten“? Vermutlich wollte er sagen „kannst Du mal warten, es geht auch schnell“, aber für diese Formulierung war wohl keine Zeit. Auch der Inhalt zeigt die heutige Denkweise, immer wieder wird damit geworben, daß etwas schnell geht.

Warum eigentlich? Die durchschnittliche Lebenserwartung in der Antike betrug weniger als 30 Jahre, die unsere ist mehr als doppelt so hoch. Und dennoch sind wir immer in Eile, vielleicht sogar in Angst, etwas noch besseres zu verpassen.

Wer diesen Zeitgeist, oder besser gesagt Zeitgeiz, einmal hinter sich lassen möchte, der finde sich im Lateinunterricht ein. Die römischen Schriftsteller haben ihre Texte mit großer Sorgfalt verfaßt; und schon aus Respekt vor dieser Mühe nimmt sich auch der Lateinlehrer genug Zeit, damit seine Zöglinge den Text nicht nur ins Deutsche übersetzen, sondern auch verstehen.

Aber vielleicht wird jetzt schon der eine oder andere Leser ungeduldig und möchte erfahren, wie der Lateinunterricht abläuft?

Zufällig gehen gerade zwei stolze Abiturbesitzer unterschiedlichen Geschlechts vorbei:

J: „Meeensch, jetzt haben wir das Abitur.“

M: „Und das Latinum.“

J: „War ja ganz schön schwer. Zuerst im Lehrbuch bis Lektion 35, jedesmal Hausaufgaben, dann immer diese Grammatiktests, von dem ewigen „links Gruppe A, rechts Gruppe B“ hatte ich schon Alpträume.“

M: „Aber wir haben es geschafft.“

J: „Du hast mir ja auch immer so schön Nachhilfe gegeben, danke nochmal, Du!“

M: „Jetzt kann ich es ja zugeben: Davon habe ich am meisten profitiert, so richtig nach dem Motto „docendo discimus“ [durch Lehren lernen wir, der Webmaster].“

J: „Und was wir alles kennengelernt haben: Römer im Alltag, römische Geschichte - daß die bei ihren ständigen Auseinandersetzungen noch zum Schreiben gekommen sind -, Römer auf Reisen, römische Religion, die Griechen, und dann die Begegnung mit den Christen.“

M: „Und weil wir so gut vorangekommen sind, hatten wir in der 9. Klasse sogar noch Zeit für Caesar und seinen Gallischen Krieg.“

J: „Ja, wie der Caesar die Römer belogen hat, nur um seinen Krieg zu rechtfertigen.“

M: „In der 10. Klasse haben wir die Verschwörung des Catilina gelesen.“

J: „Der Sallust ist aber ewig lange nicht zum Thema gekommen.“

M: „Und Du hast in jeder zweiten Stunde unseren Lehrer gefragt, wann denn nun endlich der Krimi losgeht.“

J: „Einmal war er so genervt, daß er mich zum Kreideholen geschickt hat, obwohl die Schublade noch fast voll war.“

M: „Im zweiten Halbjahr haben wir Catulls Liebesgedichte übersetzt. Das war ja so traurig, wie er nicht über seine zerbrochene Beziehung weggekommen ist. Ach, übrigens, was ist denn aus Dir und der Kleinen aus der 10. Klasse geworden?“

J: „Ähh, ja, in der Oberstufe haben wir bei Ovid gelernt, wie man beim anderen Geschlecht punktet, aber immer klappt das wohl auch nicht.“

M: „Seltsam war es schon, wie uns unser Lehrer plötzlich mit Sie angeredet hat. Dabei kennt der uns doch seit der 6. Klasse.“

J: „Der ändert sich auch nicht mehr. Aber nach einiger Zeit hat mir das Sie sogar gefallen.“

M: „Das 2. Halbjahr der 11. Klasse war auch wieder Lebenshilfe pur, Seneca und seine philosophischen Weisheiten sind so aktuell, als ob sie erst in diesem Jahr geschrieben worden wären.“

J: „Sie wären geschrieben worden – 3. Plural Plusquamperfekt Passiv Konjunktiv als Irrealis der Vergangenheit, ob uns das wohl noch jemals jemand fragt?“

M: „Und dann bei einer falschen Antwort genüßlich langsam den Daumen senkt?“

J: „Fragen wird uns das wohl kaum noch jemand, aber nun haben wir ja selbst gelernt, über Sprache nachzudenken.“

M: „Schade, daß die 12. Klasse so kurz war, von Vergils Aeneis hätte ich gern mehr gelesen.“

J: „Schon eigenartig, daß sich die Römer als Nachkommen von Verlierern und Flüchtlingen angesehen haben.“

M: „Sie wollten eben zeigen, wie sehr sie sich hochgearbeitet haben.“

J: „Gleichzeitig haben sie gezeigt, daß der Aufstieg nur dann klappt, wenn man selbst mitarbeitet. Auf staatliche Hilfe konnten sie nirgendwo hoffen, also haben sie die Ärmel der Tunika [römisches Alltags- und Arbeitsgewand, der Webmaster] hochgekrempelt und sich etwas aufgebaut.“

M: „So ganz nebenbei übt Vergil aber auch ganz schön Kritik an seinen Römern und ihrem Machtstreben.“

J: „Livius im zweiten Halbjahr war noch kritischer, der hat ja förmlich Überdruß an seiner Zeit empfunden.“

M: „Immerhin haben die Römer beide nicht für ihre regierungskritischen Äußerungen bestraft, und dabei steht nicht einmal etwas von Meinungsfreiheit in ihrer Verfassung. Vergil und Livius hatten schon ganz schön Mut.“

J: „Mut hast Du aber auch gehabt, immerhin hast du Dich im mündlichen Abitur in Latein prüfen lassen.“

M: „So schlimm war das gar nicht, wo ich etwas wußte, hat unser Lehrer mich erzählen lassen, und wenn ich etwas nicht beantworten konnte, hat er etwas anderes gefragt. Als ich dann dachte, nun wird es richtig kompliziert, haben sie mich hinausgeschickt, weil die Zeit schon vergangen war.“

J: „Was hast'n für'n Durchschnitt?“

M: „Eins komma Vier, und Du?“

J: „Na ja, Eins und Vier habe ich auch, aber umgedreht. Unser Lateinlehrer hat gesagt, ich soll bloß niemandem erzählen, daß ich bei ihm Unterricht hatte. Aber meine Tutorin, die ist nett, die hat mir eine riesige Liste gegeben.“

M: „Und was steht drauf? Karriere für Leute mit Sommerschlußverkaufsabitur?“

J: „Sehr witzig. Nee, auf dieser Liste stehen all die Studiengänge drauf, für die man das Latinum braucht. Wer das nun nicht von der Schule mitbringt, muß es auf der Hochschule nachholen. Das ist aber so anstrengend, daß man die ersten zwei Semester kaum zu etwas anderem kommt. Wenn ich nun so etwas studiere, muß ich das Latinum nicht erwerben und bin zwei Semester früher fertig als die anderen.“

M: „Dann kannst Du Dich eher bewerben und kannst vor ihnen schon Geld verdienen.“

J: „Genau wie die Römer, vom Verlierer zum Gewinner.“

Dr. Frank von Hof

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